Sportpolitik

Olympia-Finale: So läuft der Endspurt von München und NRW

25.09.2026, 14:18

Jetzt fällt die Entscheidung über den deutschen Olympia-Bewerber. München setzt auf Kraft und Tradition, Köln-Rhein-Ruhr auf Spektakel. Warum die Wahl eng werden könnte.

Christian Hollmann, Christian Johner und Michael Fischer, dpa

Das enge Olympia-Finale zwischen München und Köln-Rhein-Ruhr wird auch zum beinharten Wettkampf der Hinterzimmer-Diplomaten. Der späte Frust-Rückzug von Berlin kurz vor der Wahl des deutschen Sommerspiele-Bewerbers für 2036, 2040 oder 2044 am Samstag in Baden-Baden hat dem Rennen auf den letzten Metern noch einmal neue Dynamik verliehen. Rettet München seinen vermeintlich knappen Vorsprung bei den Delegierten ins Ziel oder setzen sich doch die angriffslustigen Lobbyarbeiter aus Nordrhein-Westfalen durch? 

Bei der letzten Chance im Wahlkampf vor der außerordentlichen Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) wollten die Macher die Öffentlichkeit nicht dabeihaben. Die Vorabend-Veranstaltung im Kurhaus von Baden-Baden sollte hinter verschlossenen Türen stattfinden. Das Duell der beiden verbliebenen Kandidaten erschien noch Stunden vor der Sieger-Verkündung durch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (13.45 Uhr/ARD) unerwartet offen.

Sport-Staatsminister Rauhe: Wahl mit «ganz viel Verantwortung» 

Der neue Sport-Staatsminister Ronald Rauhe, bis zu seinem Amtsantritt ein Befürworter der Berliner Bewerbung, reiste mit einer klaren Botschaft zur Abstimmung: «Wir haben eine internationale Aufgabe zu erfüllen und müssen mit der Stadt oder Region ins Rennen gehen, mit der Deutschland international die größten Chancen hat. Die Entscheidung darüber trifft der Sport, und ich gehe davon aus, dass er sie mit ganz viel Verantwortung treffen wird», sagte der 44-Jährige der Deutschen Presse-Agentur.

Doch wer ist der Bewerber mit den größeren Chancen im kniffligen Auswahlverfahren des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), wenn die Hauptstadt nicht mehr zur Verfügung steht? München wirbt nach den zwei gescheiterten Anläufen auf Winterspiele 2018 und 2022 mit dem olympischen Erbe von 1972, dem bewährten Motto von Laptop und Lederhose, der Fußballmacht FC Bayern und dem Oktoberfest.

Söder und Wüst im Olympia-Zweikampf

«Olympia, Paralympics und dann auf die Wiesn, das ist ein Sommer, wie man ihn sich in Bayern vorstellt», fasste Ministerpräsident Markus Söder zusammen. Sogar Sekunden vor dem Wiesn-Anstich vor einer Woche schickte der CSU-Chef noch eine Olympia-Werbebotschaft in die Fernsehkamera.

Fast noch eifriger stürzte sich sein CDU-Rivale Hendrik Wüst (Christdemokraten) in den vergangenen Monaten in den Kampf um die Stimmen der DOSB-Mitglieder. 17,6 Millionen Tickets könnten bei den Spielen von Köln-Rhein-Ruhr verkauft werden, so viele wie nie zuvor, verkündete der NRW-Ministerpräsident zuletzt. Beim Eventpotenzial, einem wichtigen Kriterium des IOC, sieht der DOSB-Prüfbericht das NRW-Projekt vor München, auch dank Spektakel-Ideen wie Schwimm-Wettbewerben in der Schalke-Arena.

Angesichts von Schwachpunkten wie dem überlasteten Verkehrssystem und möglichen Image-Problemen auf der Weltbühne spielte die Kampagne noch eine letzte Trumpfkarte aus: die Einbindung der ostdeutschen Standorte Rostock-Warnemünde für Segeln und Markkleeberg für Wildwasser-Kanu. Köln-Rhein-Ruhr sende «ein klares Zeichen für das vereinigte Deutschland. Es ist die einzige Bewerbung, die Standorte in Ost und West zusammenbringt», sagte Wüst. 

Standorte im Osten als Wahl-Trumpf?

Welche olympische Erzählung ist die bessere, wenn schon die bei beiden Bewerbern noch ungeklärten Finanzierungsfragen eher Nebensache sind? «Ich finde es gut, wenn auch der Osten Deutschlands eine wichtige Rolle spielt. Am Ende geht es aber auch darum, für die Athletinnen und Athleten möglichst kompakte Spiele zu erzeugen. Darauf schaut auch das IOC», erklärte Sport-Staatsminister Rauhe, der beim Votum keine Stimme hat.

Abstimmen dürfen die 42 olympischen Spitzenverbände, die jeweils drei Voten im Block vergeben. Je eine Stimme haben die zehn Präsidiumsmitglieder des DOSB und die acht persönlichen Mitglieder des Dachverbands, von denen aber drei ihre Teilnahme absagten. Fußballstar Leon Goretzka, die frühere Monoskifahrerin Anna Schaffelhuber und Kanupolo-Spielerin Elena Gilles können nicht dabei sein. 

Nicht mit abstimmen dürfen die Landessportbünde sowie die nicht-olympischen Spitzenverbände. Auch der Deutsche Behindertensportverband ist vom Votum ausgeschlossen, obwohl es auch um die Paralympics-Bewerbung geht.

Die Kritik am rund 16 Monate dauernden Auswahlprozess des DOSB nahm spätestens mit dem K.o. der Berliner Bewerbung erneut Fahrt auf. Die Macher aus der Hauptstadt fühlten sich bei der Evaluierung der Projekte missverstanden und zu Unrecht deutlich schwächer bewertet als die beiden Konkurrenten. Hier hat München knapp die Nase vorn, Köln-Rhein-Ruhr liegt fast auf Augenhöhe. Der Prüfbericht ist aber für die Wahlleute nicht bindend.

Hamburg und Berlin vorzeitig gescheitert

Dass die stimmberechtigten Fachverbände anders als der DOSB in vielen Kategorien München stärker sahen, könnte ein Fingerzeig für die Wahl in Baden-Baden sein. Auf den Rückhalt der Bevölkerung können beide Kandidaten verweisen. München holte sich schon im Oktober 2025 bei einer Bürgerbefragung eine Zwei-Drittel-Mehrheit für die Pläne. In den beteiligten NRW-Kommunen fiel das Ergebnis eines Bürgerentscheids im April sehr ähnlich aus.

Hamburg dagegen scheiterte Ende Mai deutlich am Bürgerwillen. Für Berlin war das Aus spätestens mit dem Ergebnis der Abgeordnetenhaus-Wahl am Sonntag besiegelt, bei der die Olympia-Befürworter im Roten Rathaus abgewählt wurden. «Was die Verbände von uns verlangt haben, konnten wir ihnen nicht bieten - nämlich politische Stabilität», räumte der Olympia-Beauftragte Kaweh Niroomand ein.

Trotz des Rückzugs reiste eine Berliner Delegation nach Baden-Baden, um ein Zeichen für eine vereinte deutsche Bewerbung zu setzen. Im Gepäck hatten die Berliner die womöglich wahlentscheidende Frage, in welches Lager die Befürworter der Hauptstadt-Kampagne in letzter Minute wechseln würden.