Fußball-Bundesliga

Eta als «Alibi-Frau»? Über den Mangel an Trainerinnen

15.04.2026, 15:18

Marie Louise-Eta ist die einzige Fußball-Trainerin in den beiden höchsten deutschen Männer-Ligen. Warum das so sein könnte und wie DFB und FIFA die Zahl der Frauen an der Seitenlinie erhöhen wollen.

Von Jordan Raza, dpa

Für gewöhnlich ist der 1. FC Union ein Berliner Thema. Doch dank Marie-Louise Etas historischer Beförderung interessiert der Fußball-Bundesligist plötzlich international. Als die 34-Jährige ihr erstes Training in Köpenick leitete, war der Presseauflauf am Rande der Hauptstadt so groß wie selten zuvor. 

Das gewaltige Medienecho, die vielen (Hass-)Kommentare im Netz und die Reaktionen etlicher Kollegen aus dem In- und Ausland verdeutlichen die Dimension der Berliner Personalentscheidung. Eine Frau als Cheftrainerin - ein Schritt, den zuvor noch kein anderer Männer-Verein im deutschen Oberhaus gegangen ist. Zwangsläufig stellt sich da die Frage nach dem Warum.

Kommentatorin Neumann: Problem beginnt in Ausbildung

«Die bestehenden Strukturen sind klar auf männliche Fußballtrainer ausgerichtet und erschweren Frauen systematisch den Einstieg und Aufstieg», sagte Sportkommentatorin Claudia Neumann der Deutschen Presse-Agentur. Die 62-Jährige war 2016 selbst Pionierin, als sie als erste Frau ein EM-Männerspiel im TV kommentierte. 

Das Problem beginne schon in der Ausbildung. «Im Trainerbereich müssten Lizenzen erworben werden, doch selbst in den vergangenen Jahren gab es nur vereinzelt Alibi-Frauen. Die Anforderungen für den Zugang zu diesen Lehrgängen stellen für Frauen hohe Hürden dar. Insbesondere der Nachweis praktischer Erfahrungen wird schnell zur Herausforderung, weil bereits die ersten Schritte in diese Bereiche schwer zugänglich sind», erklärte Neumann. Effekte etwaiger Anpassungen seien bislang nicht zu spüren.

Seit 2024: Nur zwei Frauen erwerben Pro-Lizenz 

Mit seiner 2021 ins Leben gerufenen Initiative «FF27» will der Deutsche Fußball-Bund (DFB) die Teilhabe von Frauen im Fußball signifikant vorantreiben. Zumindest mit Blick auf die Trainerinnen in den höchsten deutschen Ligen ist das kaum gelungen. Selbst in der Frauen-Bundesliga werden nur sechs von 14 Teams von Frauen trainiert. 

Unter den 50 Absolventen, die der DFB in den letzten drei Jahren mit einer Pro-Lizenz auszeichnete, waren nur zwei Frauen. Sabrina Wittmann von Drittligist Ingolstadt und Eva-Maria Virsinger, die Hoffenheims Bundesligaspielerinnen trainiert. Dennoch heißt es auf der Verbandshomepage: «Der DFB hat im Vergleich mit allen anderen europäischen Nationalverbänden die meisten Trainerinnen mit einer Pro-Lizenz ausgebildet – insgesamt 31.»

Der DFB verweist auf dpa-Anfrage daraufhin, dass er jährlich eine bestimmte Anzahl an Stipendien für Trainerinnen in den verschiedensten Lizenzstufen vergibt – «das Invest geht in den sechsstelligen Bereich». Erstmals biete man auch eine reine Torwarttrainerinnen-B-Lizenz für Frauen an. Der Lehrgang sei vollfinanziert über ein FIFA-Entwicklungsprogramm. 

Außerdem werde aktiven Nationalspielerinnen der Zugang zum Erwerb einer Einstiegstrainerinnen-Lizenz ermöglicht. Die Zahl der Absolventinnen von Trainerscheinen ist laut einer DFB-Statistik von 2025 auf 2026 in allen Lehrgängen gestiegen. 

FIFA führt Trainerinnen-Quote ein

Der Weltverband FIFA beschloss hingegen solch eine Quote, um mehr Trainerinnen in Führungspositionen zu etablieren. Schon bei der Frauen-WM 2027 muss entweder der Chefcoach oder dessen Assistenz weiblich sein. Bei der Frauen-WM 2023 waren lediglich zwölf der 32 Teamchefs weiblich. In Deutschland bildet Bundestrainer Christian Wück ein Gespann mit seinen Assistentinnen Maren Meinert und Saskia Bartusiak.

«Fußball ist die heilige Kuh in Deutschland. Und dort wird eine Frau als Eindringling empfunden und da versucht man eher, sich der Konkurrenz zu entledigen», sagte Medienwissenschaftlerin Daniel Schaaf von der Deutschen Sporthochschule Köln einmal dem «Deutschlandfunk».

Imke Wübbenhorst: «Das wäre nicht fair»

Eta ist eine Ausnahme, reiht sich aber ein in eine Liste von Frauen, die in den letzten Jahren Pionierarbeit geleistet haben. Etwa Nicole Kumpis, die seit 2022 Präsidentin bei Zweitligist Eintracht Braunschweig ist. Oder Imke Wübbenhorst, die 2020 als erste Frau nach Inka Grings (SV Straelen) in Lotte einen Männer-Viertligisten übernahm. «Man sieht, dass es im Fußball vorangeht», sagte Wübbenhorst der dpa. 

Die heutige Cheftrainerin des Schweizer Frauen-Erstligisten Young Boys Bern befürchtet bei Eta aber auch negative Reaktionen im Falle des Misserfolgs. «Ich wünsche ihr, dass sie auch die Punkte holt, weil sonst wird es halt immer wieder daran festgemacht werden, dass sie eine Frau ist. Das wäre nicht fair», sagte Wübbenhorst. 

Ex-Unioner sieht große Herausforderung für Eta

Lucas Tousart kickte für die Eisernen, als Eta vor über zwei Jahren als Co-Trainerin einsprang - und sieht auch ein Problem. «Es geht eher um den zwischenmenschlichen Bereich. Sie wird Entscheidungen treffen, klar Stellung beziehen und etwas Abstand schaffen müssen. Das ist eine Rolle, die schwieriger zu bewältigen ist», sagte der Mittelfeldspieler der «L'Équipe».

Für Union Berlin war Etas Beförderung eine «logische Konsequenz». Die Köpenicker nehmen in Sachen Gleichberechtigung ohnehin eine Vorreiterrolle ein. In Jennifer Zietz gibt es eine Geschäftsführerin Profifußball Frauen. Die Spielerinnen erhielten bereits in der Regionalliga Verträge, die ihnen ermöglichten, nur vom Fußball zu leben. Schon vor dem Bundesliga-Aufstieg absolvierten sie ihre Heimspiele wie die Männer in der Alten Försterei.

Etas Aufstieg hat Vorbildcharakter. Doch wie groß der tatsächliche Effekt ist, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen. «Das eröffnet Möglichkeiten für kleine Mädchen, die gerade Fußball spielen und nun denken, ich könnte überall Trainerin werden, sehr erfolgreich sein und eine richtige Karriere haben», vermutete etwa Bayern Münchens Trainer Vincent Kompany.